Dorfzeitung Engeln und Umgebung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 







Wolfsburg - die neue Heimat? cs

 

Von dem Lohn meiner einjährigen Arbeit bei dem Engeler Bauern Heuer habe ich mir ein Fahrrad gekauft. Ein Fahrrad, mit dem wohlklingenden Namen "Prinzenrad". Ich machte mich am 16. März 1952 zum Bahnhof nach Bruchhausen-Vilsen auf, um eine Fahrkarte nach Wolfsburg zu lösen. Als ich dem Fahrkartenverkäufer erklärte, wohin ich wollte, sagte er, dass er in seinem Register nur Fallersleben finden könne. Und somit löste ich eine Fahrkarte nach Fallersleben.

 

Aus der Schulzeit war mit der Germanist "August Heinrich Hoffmann von Fallersleben" bekannt. "Deutschland, Deutschland über alles" - das Lied der Deutschen hat seinen Dichter bis heute zu einer umstrittenen Figur gemacht. Dabei hat August Heinrich Hoffmann, der vor über 200 Jahren in Fallersleben (heute Stadtteil von Wolfsburg) geboren wurde, der deutschen Literatur mehr gegeben als nur diesen Text. 1844 fand Hoffmann Aufnahme auf einem mecklenburgischen Gut. Dort widmete er sich verstärkt der Sammlung von Kinderliedern. So verdanken wir Hoffmann auch so bekannte Lieder wie "Winter ade", "Kuckuck, Kuckuck, ruft's aus dem Wald" und "Ein Männlein steht im Walde".

 

Am 25. Mai 1945 änderte die erste gewählte Stadtverordnetenversammlung den nicht mehr zeitgemäßen Namen "Stadt des K d F Wagens" in Wolfsburg um. Alles, was geschah, bedurfte der Genehmigung der britischen Militärregierung. Doch am Bahnhof hing noch lange das Schild "Rothenfelde".

 

Die Lebensverhältnisse, die ich hier vorfand, waren alles andere als gut, ja nicht einmal ausreichend. Ich vegetierte in einem Blechverhau an einem Flackhaus, das ich mit meinem Vater teilte. Im Sommer weckte mich die Sonne, im Winter der eiskalte Regen, Hagel und Schnee. Das Flackhaus stand auf halber Höhe zwischen Fallersleben und Wolfsburg. Es war im Grunde genommen kein Wohnen, eher Hausen. Ein Raum in einer Baracke wäre dagegen schon purer Luxus. Das Wasser holten wir uns aus einem Brunnen hinter dem Flackhaus, der vormals ein Bombentrichter gewesen war. Ertrank darin ein Tier, wie Ratte oder Maus, so fischte man es heraus und verwendete das Wasser trotzdem. Damit Mäuse und Ratten nicht an unsere Lebensmittel kamen, lagerten wir diese in einem ausrangierten Waschkauenschrank aus Blech aus dem Volkswagenwerk. Elektrischer Strom oder Geräte waren natürlich ein Fremdwort.

 

Geheizt wurde folgendermaßen: Dafür hatten wir einen sogenannten Kanonenofen in Anwendung. Einen Einsatz aus Blech konnte man herausnehmen. In die Mitte stellte man darin ein Rundholz und stampfte rundherum Sägespäne. Anschließend zog man das Rundholz heraus und stellte es wieder in den Kanonenofen. Der Wortgebrauch Kanonenofen ist wohl aus der Form, einem Kanonenrohr, abzuleiten. Die Sägespäne konnte man sich für ein geringes Entgelt aus dem nahegelegenen Sägewerk in Fallersleben holen. Natürlich sackweise im Mittelstück eines Damenfahrrades. Es eignete sich hierfür hervorragend. Mein Frühstück, mein Mittagessen und das Abendessen bestanden aus Heidebrot, Hamkers Nussmargarine und Lindes Malzkaffee, den wir gekocht, beziehungsweise aufgewärmt haben. Tagein - tagaus. Gleichmaßen sah damit auch die morgendliche und abendliche Toilette mit eiskaltem Wasser aus, da der Kanonenofen immer ausgebrannt war, wenn man ihn brauchte. Wenn ich dann abends bei Petroleumlicht ins Bett ging, lief mir oft in Gedanken das Wasser im Munde zusammen, nach den fetten Bratkartoffeln und Knipp, anschließend Käse und Milch.

 

Wolfsburg gilt nicht nur dem auswärtigem Besucher, sondern auch vielen Bewohnern als eine Art "Goldgräberstadt", als ein willkürlich in die Landschaft gesetztes Produkt moderner Zivilisation: ohne Geschichte und Tradition. Der erste VW-Käfer wird gebaut, im Porschewerk in Stuttgart, entwickelt von Ferdinand Porsche. Man erkennt heute deutlich, wie der VW-Käfer nicht nur das einstige Barackendorf zu einer Großstadt mit rund 130000 Einwohnern machte, sondern die ganze Welt veränderte. Die Größe des Werkes: das am Mittellandkanal gelegene Werksgelände umfasst eine Fläche von mehr als sechs Quadratkilometern. Auf der bebauten Hallenfläche von 1,6 Quadratkilometern ließe sich das Fürstentum Monaco unterbringen. Das Wolfsburger Werk ist die größte Automobilfabrik in Europa, es hat eine Fertigungskapazität von 4000 Autos am Tag, und rund 60000 Beschäftigte in Arbeit und Brot. So schrieb im Jahre 1955 der Spiegel "Wolfsburg ist keine Stadt, sondern ein Zustand. Ein Zustand, an dem nur eins konstant ist - die Veränderung in Form einer Goldgräbercity". Auch die Begriffe "Stadt ohne Liebe" und "Stadt der negativen Superlative" waren in der Öffentlichkeit zu hören. Was Wolfsburg betrifft, noch eine Kuriosität. Zum Jahreswechsel lud die Autostadt ins "Ritz-Carlton" zur Silvesterfeier 2005/2006 mit eigenem Butler zu einem Preis von 666.666,00 Euro. Gekommen ist natürlich keiner. Ein Kommentar ist hier überflüssig.

 

Ich möchte mit diesen Aussagen nur verdeutlichen: Arbeit und Brot habe ich hier wohl gefunden, aber heimatliche Gefühle konnten sich nicht entwickeln. Die Sehnsucht nach Heimat, die Erinnerung an meine Schulzeit und Weseloh sind geblieben, auch wenn diese Zeit mit vielen Entbehrungen verbunden war - für die heutige Jugend unvorstellbar. Zu meiner Konfirmation bekam ich erstmalig eine Tafel Schokolade geschenkt, aufgeteilt in 30 kleine Stückchen, und jeden Tag nach dem Mittagessen nahm ich mir ein Stückchen und hatte den Wohlgeschmack im Munde bis zum nächsten Tag. An dieser Stelle möchte ich noch einmal danken, dass die Bindung nicht abreißt und ich in unregelmäßigen Abständen die "Engeler Dorfzeitung" bekomme, von meinem "Weseloher Schulkameraden" Dietrich Winte.

 

Eine Lehrstelle oder Arbeitsplatz in Wolfsburg sofort zu bekommen, war oft nicht möglich. Auf 50 Ausbildungsplätze warteten rund 1000 Ausbildungswillige im entsprechenden Alter. Mit viel Glück bekam ich eine Ausbildungsstelle in einem etwa 10 km entfernten Nachbarort als Zweiradmechaniker mit einer monatliche Ausbildungsvergütung von 25,00 DM. Es machte mir auch viel Freude, an einer Fox, Lux oder Max von NSU herum zu schrauben, aber immer noch 3 mal täglich "Lindes Malzkaffe und Heidebrot mit Hamkers Nussmargarine.

 

Es änderte sich erst, als ich am  20. Januar 1953 einen Arbeitsplatz bei Volkswagen bekam. Wochentags hatte ich die Möglichkeit, ein warmes Mittagessen einzunehmen. Eine Terrine Eintopf (zwei Teller) für 50 Pfennige. Zwei Terrinen für 1,00 DM waren für mich als ausgehungerten Jugendlichen die Regel. Dafür schraubte ich nicht mehr an Motorrädern herum, sondern räumte Ventilführungen und fräste Ventilsitze. Wir wohnten aber immer noch im Blechverhau am Flackhaus.

 

Der Werksausweis öffnete so manche verschlossene Tür durch ein regelmäßiges Einkommen. Und somit wagten wir es, ein Siedlerhaus zu bauen. Aber zuvor musste erst noch kräftig jeden Tag im schweren Lehmboden vor oder nach der Schichtarbeit die Baugrube ausgehoben werden. Ein halbes Jahr lang, wobei wir auch in dieser Form den Feiertag heiligten. Im Herbst 1954 war dann der Keller fertig und wir zogen glücklich endlich mit unseren spärlichen Habseligkeiten in unsere eigenen vier Wände ein. Aber wenn es regnete, regnete es durch die Kellerdecke. Und wenn ich morgens um 4:30 Uhr zur Frühschicht aufstand, waren nicht nur meine Sachen, die ich anzog, durchnässt, sondern auch meine Schuhe schwammen irgendwo im knöcheltiefen Wasser. Gott sei es gedankt, diese Zeit haben wir ohne große gesundheitliche Schäden überstanden. Auf 45 m² Wohnfläche, die wir dann unser Eigen nennen konnten. Meine Mutter mit meinem Bruder sowie meine Schwester, die als Magd bei einem Bauern in Ochtmannien arbeitete, konnten somit von Weseloh nach Wolfsburg übersiedeln. Im Frühjahr 1955 kamen dann auch noch meine Großeltern, die bei Uhligs in Weseloh lebten, zu uns, sodass wir dann mit 7 Personen auf den vorgenannten m² lebten. Um in den Genuss eines VW-Darlehens zu kommen, mussten wir dann den oberen Teil des Hauses an bedürftige Werksangehörige vermieten.

 

Ganz kurz möchte ich nun meine berufliche Laufbahn darlegen. Bereits am 1. Dezember 1963 trat ich dem Christlichen Gewerkschaftsbund bei, weil es meinem ideologischen Grundgedanken am nächsten lag. Nach mehrwöchigen Presseseminaren an der "Kieler Hermann Ehlers Akademie" wurde ich von meiner Gewerkschaft zum Pressewart für die hiesige Presse berufen. Im März 1972 wurde ich in den Betriebsrat für den Bereich "Forschung und Entwicklung" gewählt. Mit Wirkung vom 1. Januar 1988 wurde ich vom Niedersächsischen Sozialministerium zum Arbeitsrichter am Amtsgericht Braunschweig berufen. Meine Wiederberufung endete am 31. Dezember 1995, so auch mein beruflicher Werdegang. Am 14. Oktober 1995 wurde ich von meiner Gewerkschaft, dem Gesamtverband der "Christlichen Gewerkschaften Deutschlands" auf dem 12. ordentlichen Gewerkschaftstag in Magdeburg mit der höchsten Auszeichnung, die die Gewerkschaft zu vergeben hat, mit der "Adam-Stegerwald-Medaille" für hervorragende Verdienste bei der Arbeit für die Gewerkschaft geehrt. Nach dem Tode meiner einzigen, an Leukämie verstorbenen 13-jährigen Tochter Heidi, gründete ich am 22. Mai 1989 für den hiesigen Raum und insbesondere für die Wolfsburger Kinderklinik, den "Heidi Förderverein für krebskranke Kinder e. V.", der Mitglied in der "Kinderkrebshilfe Bonn" ist.

 

Ich brauche es hier nicht zu wiederholen, wenn mich die Sehnsucht packt, geht es ab in die Gegend, wo ich meine Jugendzeit verbracht habe.

 

Natürlich nicht ohne eingekauft zu haben beim "Fleischermeister Becker" in Vilsen, den unvergessenen "Knipp", der dann reichen muss bis zu meinem kommenden Besuch in meiner fernen Heimat, wo wir wieder mit offenen Armen von der Familie "Michaelis in Engeln" empfangen werden.

 

Weseloh, ach Weseloh, ich komme wieder und werde bei Dir Gast sein, bei Bratkartoffeln mit Knipp und Käse mit Milch.

 

Georg Stege