Dorfzeitung Engeln und Umgebung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 







Portrait Susanne Lieder-Kolbe


Portrait

Im Alter von zehn Jahren antwortete ich auf die Frage, was ich denn mal werden wollte: Schriftstellerin.
Schreiben lernen, das war für mich überhaupt der einzige Grund freiwillig in die Schule zu gehen, als ich mit 5 eingeschult wurde. Mathematik und all die anderen Fächer waren ein notwendiges Übel. Bei allem, was mit Zahlen zu tun hat, stehe ich bis heute auf der berühmten Leitung. Fremdsprachen dagegen lernte ich praktisch nebenbei.
Meine damalige Deutschlehrerin, etwas schrullig, aber voller Leidenschaft für die deutsche Sprache, fand meine Aufsätze ausgesprochen fantasievoll und sprachlich sehr schön, auch wenn ich meistens das Thema verfehlt hatte, weil wieder mal die Pferde bzw. meine Fantasie mit mir durchgegangen war.
Ich wuchs in einem ostwestfälischen Dorf auf, in ländlicher, abgeschiedener Idylle; das Haus direkt am Wald, der nächste und einzige Nachbar gut hundert Meter entfernt.
Für ein Kind das Paradies, für eine Jugendliche Langeweile pur. Ich wollte so schnell wie möglich in eine größere Stadt, welche war mir vollkommen egal.
Also schlug ich den Rat meiner Deutschlehrerin in den Wind, nach meiner pharmazeutisch-kaufmännischen Ausbildung ein Volontariat bei der örtlichen Zeitung anzunehmen und bewarb mich bei zwei größeren Pharmazieunternehmen in Hildesheim und Unna. Wohin es mich letztlich verschlagen würde, war mir egal.
Es wurde Hildesheim. Na gut, dachte ich, dann eben Hildesheim. Mit Sack und Pack und meinem ersten quietschgelben Auto zog ich dorthin.
Ich lernte meinen Mann kennen, und zwei Jahre später zogen wir nach Bremen. Mich ernsthaft dem Schreiben zu widmen, wurde erst mal auf Eis gelegt. Später ... Irgendwann ...



Theater, Kino, Kultur, all das sog ich in mich auf. Ja, das Stadtleben gefiel mir. Bremen ist bis heute eine meiner Lieblingsstädte.
Unser erster Sohn wurde geboren, und als er ein Jahr alt war, blitzte es wieder auf: Da war doch noch was ... Wolltest du nicht ...? Ja, ich wollte!
Als unser zweiter Sohn da war, fing ich an Gute-Nacht-Geschichten zu schreiben, die ich am Abend unseren Kindern vorlas. Aus einer Laune heraus schickte ich ein paar einem großen Kinderbuchverlag. Zwei wurden tatsächlich genommen.
Das Honorar betrug damals – vor immerhin 20 Jahren – vierzig Mark pro Geschichte. War ich jetzt schon Schriftstellerin?
Meine Kinder wurden größer, – inzwischen hatten wir drei
Söhne -  und meine Romanfiguren wuchsen mit ihnen.
Ich schrieb über den alltäglichen Pubertätswahnsinn, Schulprobleme, die erste berauschende Liebe. Doch ich traute mich nicht, es einem Verlag anzubieten.
Wir zogen der Kinder zuliebe aufs Land, bauten ein Haus in Engeln. Vor lauter Angst, nichts Vernünftiges zu Papier zu bringen, schrieb ich drei Jahre lang gar nichts mehr, kein einziges Wort. Mein Laptop hatte sowieso seinen Geist aufgegeben, und bestimmt war ich sowieso nicht gut genug. Und überhaupt.
Eine Freundin riet mir: Versuch´s doch mal mit Kurzgeschichten.
Das Schreibfieber, das mich ja nie wirklich losgelassen hatte, packte mich wieder, und so entstanden innerhalb kürzester Zeit mehr als 30 Kurzgeschichten.
Eine lachte mich geradezu an, war da nicht Potential für mehr?
Die Idee für mein erstes „richtiges“ Buch war geboren.
Es sollte ein Krimi werden, auch wenn ich einen Mordsrespekt davor hatte. Angst vor der eigenen Courage nennt man das wohl.



Geschlagene vier Wochen strich ich um meinen Schreibtisch wie die Katze um den heißen Brei.
Es gab so Dringendes zu tun: Das Haus aufräumen, Sport machen, Freunde anrufen, mit der Katze schmusen ... Aber einen Krimi schreiben? Das schaffst du nie, dachte ich.
Irgendwann setzte ich mich einfach hin und fing an.
Nach gut vier Monaten war der Krimi fertig.
Zur gleichen Zeit interessierte sich eine Münchner Literaturagentin für meine Kinder- und Jugendgeschichten. Da wusste ich aber bereits, dass ich lieber für „Große“ schreibe.
Ich traute mich sogar, meinen Krimi einem Bremer Verlag anzubieten. Große Hoffnung hatte ich nicht. Lektoren bekommen täglich bis zu 30 Manuskripte auf den Tisch. Meins würden sie wahrscheinlich gar nicht lesen, vermutlich lag es längst im Papierkorb.
Nach acht Wochen kam eine Mail der Lektorin. Sie lud mich in den Verlag ein. Schuster, ein neurotischer, aber überaus liebenswerter Bremer Hauptkommissar, dessen Leben ziemlich aus den Fugen geraten ist und der die Morde an vier Frauen aufklären muss, hatte ihnen gefallen.
Nun darf er also offiziell ermitteln – „Schuster und das Chaos im Kopf“ erscheint im Herbst 2012 im Schünemann-Verlag.
Ich habe einige Umwege genommen, aber meinen Berufswunsch und mein Ziel nie aus den Augen verloren.
Inzwischen wohnen wir auf einem kleinen Resthof bei Asendorf, und Hauptkommissar Schuster steckt gerade mitten in seinem 3. Fall.

Susanne Lieder-Kolbe